Tony’s Weed – Teil 3

Tony’s Weed – Teil 3

Tony’s Weed – Teil 3 Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze

Heute geht es weiter mit „Tony’s Weed – Teil 3“ Mr. Haze Amaze’s erster Kurzgeschichte über den alleinerziehenden Vater Tony, der als Cannabispatient auf der Suche nach einer Arbeit ist…

Tony’s Weed – Kapitel 3 – Das Gefühl

Es war ein wundervoller Tag in Italien, an dem er und Penelope an den Strand gefahren waren. Sie hatten sich vorher ganz spontan Urlaub genommen und waren einfach losgefahren. Zuerst verschlug es sie in die mediterranen Hügel, überzogen von unzähligen Olivenbäumen und schließlich hin zu den Stränden am Tyrrhenischen Meer.

Sie waren an diesem Tag schon ganz früh losgefahren, um die besten Plätze am Strand zu ergattern. Sie kamen bereits am Morgen dort an, sodass sie sich entschlossen den Sonnenaufgang gemeinsam auf einem der großen Felsen anzuschauen. Auch nach all den Kunstmuseen, die sie im Landesinneren besucht hatten, konnte sich keines der Kunstwerke mit diesem Meisterwerk der Natur messen.

Nach diesem Schauspiel gingen sie zum Strand und breiteten ihre Decke aus. Allmählich kamen auch die ersten Strandgänger, auf der Suche nach den besten Plätzen. Denn in der prallen Mittagssonne konnte es unerträglich heiß werden.

Tony’s Weed – eine Cannabis-Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze
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Tony war bis zum Hals unter Wasser. Es war angenehm warm und die grelle Mittagssonne schien ihm ins Gesicht. Er lag einfach nur tiefenentspannt da und ließ sich im Wasser treiben. Als er den Kopf leicht zur Seite drehte, sah er Penelope direkt neben ihm treiben. Sie griff nach seiner Hand und schaute ihn liebevoll an.

“Papa?” sagte sie leise. Tony sah sie verwundert an. “Papaaa!”

Tony schreckte zusammen und erwachte aus seiner Träumerei vergangener Tage. Zurückgerissen ins hier und jetzt schaute er sich um. “Ach stimmt…”, murmelte er und nahm ein kleines Walkie-Talkie in die Hand. “Ja mein Schatz? Was ist los?”

Seine Augen standen noch auf halbmast und er sah sich verträumt um. Er befand sich im Badezimmer, das grelle Licht stammte von der LED-Lampe über ihm. Tony hatte sich ein Bad eingelassen. Die Seife, die er hinzugegeben hatte, trug den Namen “Italian Summer” und roch nach Rosmarin, Thymian und einigen anderen Kräutern.

Wenige Stunden zuvor hatte er Mary ins Bett gebracht und anschließend einen Vaporizer auf seinem Balkon gedampft. Dann war er in die Badewanne gestiegen, um ein wenig zu entspannen. Das kleine Walkie-Talkie, dessen Gegenstück in Marys Zimmer lag, befand sich in greifbarer Nähe.

“Kann nicht schlafen…” murmelte das kleine Mädchen auf der anderen Seite der Leitung. Tony war inzwischen aus der Wanne gestiegen und begann sich abzutrocknen und anzuziehen. “Ich bin gleich da, mein Schatz.”

Er öffnete den Spiegelschrank und holte ein Körbchen mit allerlei Tabletten und Fläschchen heraus. Eine der kleinen braunen Pipettenflaschen zog er heraus und las, was auf der Rückseite geschrieben stand. Dann nickte er und ging los.

Als er in ihr Zimmer kam, saß sie aufrecht im Bett und hatte Tränen in den Augen. Tony nahm sie in den Arm. “Hattest du wieder einen bösen Traum?” Das Mädchen nickte eifrig.

“Okay, Papi hat was, damit du besser schlafen kannst. Und ich bleibe auch bei dir, bis du eingeschlafen bist.” Er nahm ein Glas Wasser und tröpfelte einige Tropfen aus der Flasche hinein. “Einmal bitte ausleeren.” Tony gab ihr das Glas und lächelte sie an.

Tony’s Weed – eine Cannabis-Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze
Tony’s Weed – eine Cannabis-Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze

Mary trank das Glas auf einen Zug leer und kuschelte sich wieder in ihre Decke ein. Tony schüttelte noch ihr Kopfkissen zurecht und legte sich neben sie. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er ihr leises Schnarchen hörte.

“Wahnsinn wie gut die CBD-Tropfen für Kinder wirken. Dabei ist die Dosierung so gering.” Er schmunzelte, als er aufstand und sehen konnte, wie sie sich allmählich über das gesamte Bett streckte. “Ganz wie die Mama.” flüsterte er leise und verließ das Zimmer mit einem zufriedenen Lächeln.

Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf seine gemütliche Couch. Dann schaltete er den Fernseher ein und wechselte zu den Nachrichten. Er hätte den Zeitpunkt nicht besser treffen können, denn gerade wurde über den neuen Drogenbeauftragten des Landes gesprochen.

“… und einige sehen seine Politik und Vorgehensweise eher noch skeptisch. Doch davon lässt sich der neue Drogenbeauftragte Manfred Ebener nicht abschrecken. Er verfolgt weiterhin sein Programm, die Legalisierung von Cannabis in allen Formen fortzuführen und für Aufklärung zu sorgen. Ganz im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängerinnen, die ein striktes Cannabisverbot für sinnvoll hielten, geht Herr Ebener offen mit dem Thema um und bestätigte selbst ein Cannabiskonsument zu sein. Ein Mann mit einer klaren Aussage. Hier nun einige Ausschnitte seiner letzten Ansprache.”

Das Bild wechselte zu Herrn Ebener. Im Anzug, einer perfekt sitzenden Frisur und einem charmanten Lächeln saß er in einer Pressekonferenz zum Thema Legalisierung von Cannabis.

“Stellen sich vor, sie hätten jahrzehntelang in einem Haus gewohnt und finden plötzlich heraus, dass es auch einen Garten besitzt. Er bietet so viele Möglichkeiten und es bedarf harter Arbeit, den Garten herzurichten. Doch ist dies erst mal geschafft, wird er die Früchte dieser Arbeit tragen. Es musste einfach sein, dass jemand in Deutschland diesen Garten in Angriff nimmt und aufklärt, was Cannabis wirklich ist.

Es bietet uns so viele Möglichkeiten der Forschung. Ich verstehe gar nicht, wie sich diese Klischeewörter wie ‘dumm’, ‘faul’ oder ‘unbrauchbar’ noch eine so lange Zeit in der Gesellschaft halten konnten. Es ist nicht die Pflanze, die aus ihnen einen faulen, antriebslosen Menschen macht, nein, es ist der Mensch selbst, der schon vor dem Konsum faul war oder seine Faulheit durch den Konsum rechtfertigt. Sehen Sie sich um.

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Blüten Nahaufnahme

Kaum wurde endlich durchgesetzt, dass das Konsumieren von Cannabis kein Delikt mehr ist, trauen sich plötzlich viel mehr Menschen offen darüber zu reden und sich zu entfalten, ohne die Angst zu haben im Gefängnis zu landen. Es sind ganz normale Menschen wie Sie und ich, doch niemand wollte über seine Passion sprechen, aus Angst Aufmerksamkeit auf sich und den eigenen Konsum zu ziehen. Verstehen Sie nun was ich meine? Wir haben diese Menschen kriminalisiert und wir haben sie so sehr in Angst leben lassen, für jeden noch so kleinen Joint belangt zu werden!”

Ein schallender Applaus ging durch den Saal. Man merkte deutlich, dass die Entkriminalisierung einen deutlichen Effekt auf die Menschen hatte, die ihre Vorliebe zum grünen Kraut lange verbergen mussten. Hätte jemand diese Rede noch vor der Entkriminalisierung gehalten, wäre der Applaus wohl wesentlich verhalten, wenn er überhaupt vorhanden gewesen wäre.

Zufrieden nickte Tony. Endlich jemand, der mit den Lügen und längst veralteten Gesetzen Schluss machte. Er schaute noch die Konferenz und ging dann ins Bett.

Als er am nächsten Morgen wieder in der Küche stand und seiner täglichen Routine widmete, klingelte plötzlich sein Handy. Der Name Mr. Haze Amaze war auf dem Display zu lesen. Tony tippte auf den Bildschirm und nahm ab: “Hey, was gibt’s?”

“Alter, du wirst es nicht glauben: Mein Buch wird endlich veröffentlicht! YEAH!” Die Aufregung und Euphorie seines Gegenübers war kaum zu überhören. “Nach so vielen Absagen, weil es in dem Buch ums Kiffen geht, hab ich endlich die Zusage eines großen Verlages bekommen. Jetzt, wo Cannabis nicht mehr so kriminell ist, sehen wir für ihre Geschichten eine große Zukunft. Das haben die geschrieben! Ich kann’s kaum fassen!”

Tony schmunzelte. “Das freut mich wirklich sehr für dich. Das sollten wir feiern. Nächstes Wochenende?” Laut jubelnd bejahte Mr. Haze seinen Vorschlag. Sie tauschten noch einige Worte und legten dann auf. Tony musste noch immer grinsen, als er darüber nachdachte, dass er vielleicht bald mit einem erfolgreichen Autoren befreundet war. Und das alles nur, weil er damals seine Gras-Dose im Café hatte liegen lassen.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Er war wie immer im Zeitplan. Auch Mary stand wenige Minuten nach seinem Telefonat angezogen und bereit zur Abfahrt im Flur. “Na, hast du gut geschlafen, meine Kleine?” Mary nickte eifrig. Etwas unverständlich erzählte sie von ihren verrückten Träumen. Tony hörte einfach nur zu und sah sie mit einem liebevollen Lächeln an.

Als er Mary in der Kita abgeben wollte, musterte ihn Frau Mühlberg eingehend von oben bis unten und rümpfte die Nase. Sie schien plötzlich abweisend und nicht mehr so freundlich wie noch die Tage zuvor. Sie zog Mary schnell an sich heran und schob sie durch die Tür ins Haus. “Guten Morgen.” sagte sie etwas schnippisch und warf Tony einen finsteren Blick zu.

Noch bevor er sie fragen konnte, woher die frostige Art ihm gegenüber herrührte, war sie schon nach drinnen verschwunden und schloss die Tür. Etwas verdutzt drehte sich Tony auf dem Absatz herum und ging wieder zu seinem Auto. “Was war denn mit der los?” murmelte er leise vor sich hin während er den Motor startete und einen letzten Blick auf die Tagesstätte warf. Dann zuckte er mit den Schultern und fuhr los.

Sein Arbeitstag verlief weitestgehend normal mit dem einzigen Unterschied, dass er heute schon um früher gehen durfte. Er hatte sich einige Stunden freigenommen, um sein Wochenende noch etwas länger genießen zu können.

Er fuhr wieder zurück zur Kita, um Mary dort abzuholen. Auch dieses Mal schaute ihr Frau Mühlberg mit einer gewissen Abneigung an, die ihn sehr verunsicherte. “Kann es sein, dass sie mir irgendwas sagen wollen?” fragte er sie vorsichtig. Die Frau blickte ihn weiterhin misstrauisch an, drehte sich um und rief nach Mary. Als sie auftauchte, ließ Frau Mühlberg sie nur sehr widerwillig passieren.

Tony nahm Mary auf den Arm und schaut Frau Mühlberg skeptischen Blick an. “Schönen Tag noch.” zwang er sich aus Höflichkeit über die Lippen. Dann drehte er sich um und ging mit Mary zum Auto. Er kam sich beobachtet vor, doch als er seinen Kopf noch einmal nach hinten wand, konnte er Frau Mühlberg schon nicht mehr sehen.

Nach einer kurzen Fahrt kamen sie zu Hause an. Mary rannte durch den Flur ins Wohnzimmer und sprang auf dem Sofa auf und ab. “Fernsehen, fernsehen, fernsehen.” Wiederholte sie dabei immer wieder. Tony lachte und schaltete den Fernseher ein. “Na gut, aber nur so lange bis Daddy fertig ist. Danach wird gekocht und dann gepuzzelt.” Er startete ihre Lieblingsserie. “Aaaaand hereeeee we go!” rief er laut, während mit ausgestrecktem Arm Richtung Fernseher deutete.

Tony’s Weed – eine Cannabis-Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze
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Dann legte er die Fernbedienung auf den kleinen Beistelltisch und ging in sein Arbeitszimmer. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, öffnete eine verschlossene Schublade und holte ein Glas voller Cannabisblüten hervor. Als er den Deckel öffnete, strömte ihm ein unglaublich süßlicher Duft entgegen. Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Grower-Arbeit nahm er eine der Blüten heraus und betrachtete sie eingehend. Dann holte er Blättchen, Tips und Grinder hervor und begann einen Joint zu bauen.

Was er nicht wusste war, dass er tatsächlich beobachtet wurde. Jessica war ihm seit seinem Heimweg gefolgt. Wenige Tage zuvor wurde sie von Frau Mühlberg angesprochen, dass sie sich Sorgen um Mary mache. Das Kind wäre häufig sehr müde, würde teilweise mit total zerzausten Haaren auftauchen und manchmal roch sie sogar nach Cannabis. “Der lässt sein Kind sicher verwahrlosen, damit er in Ruhe seiner Sucht nachgehen kann.” hatte Frau Mühlberg geflucht.

Jessica war schon gleich zu Beginn skeptisch gewesen, ob ein alleinerziehender Cannabis konsumierender Mann ein kleines Kind großziehen konnte. Und nun hatte sie ihren Beweis. Sie hatte genau beobachten können, wie Tony das Kind vor den Fernseher gesetzt und angeschrien hatte, um jetzt in seinem Zimmer einen Joint zu bauen.

“So ein Dreckskerl, ich wusste es doch.” murmelte sie zähneknirschend vor sich hin und nahm das Fernglas herunter. Es wäre ihr vollkommen egal gewesen, was er zu Hause treiben würde. Doch wenn es um Kinder ging, dann konnte Jessica nicht still sitzen, bis sie Gewissheit hatte.

Tony hatte den Joint mittlerweile fertig gebaut. Er warf noch einen Blick in seinen Growschrank und ging dann hinaus auf seinen kleinen Balkon. Er setzte sich auf die hölzerne Bank und nahm einen tiefen Zug von seiner Tüte. Der Rauch zog über die Dächer und zwischen den Wänden der Häuser entlang, als plötzlich ein lautes Niesen zu hören war. Tony schaute nun etwas genauer auf die Wand seines Nachbarhauses und erkannte, woher das Niesen gekommen war. “Jessica? Was machst du denn da drüber auf der Feuerleiter?”

Tony’s Weed – eine Cannabis-Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze
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Jessicas Gesicht lief feuerrot an, als sie von ihm ertappt wurde. Der Rauch hatte so sehr in ihrer Nase gekitzelt, dass sie davon niesen musste. Beschämt versteckte sie schnell das kleine Fernglas in ihrer Jackentasche und winkte ihm unschuldig zu.

“Ich… Ähm… Hier wohnt eine Freundin von mir und … ähm … ihre Katze…” Jessica wusste nicht wie sie sich aus dieser Situation heraus winden konnte. Tony wusste allerdings auch nicht, was er davon halten sollte, also rief er: “Willst du vielleicht rüberkommen? Wir wollen gleich kochen und zu Abend essen. Du bist herzlich eingeladen.”

Kurze Zeit später stand Jessica vor Tonys Haustür und klopfte sich den Dreck von den Klamotten. Tony öffnete die Tür und ließ sie herein. Er nahm ihr die Jacke ab und hängte sie über die Garderobe im Flur. “Die Schuhe kannst du da drüber hinstellen.” sagte er. Jessica, deren Kopf noch immer rot angelaufen war, zog ihre Schuhe aus, richtete sich auf und schob ihre Brille zurecht.

Dann standen sie beide einen Moment lang da, keiner wusste, was er sagen sollte und die peinliche Stille war kaum zu ertragen. Tony ahnte, was Jessica vorgehabt hatte und Jessica sah ihm an, dass sie komplett entlarvt war.

“Huuuuunger!” rief Mary als sie aus dem Wohnzimmer gestürzt kam. Als sie Jessica sah, blieb sie abrupt stehen. “Du bist also die kleine Mary? Hallo, ich bin die Jessica.” Sie ging in die Hocke und reichte ihr die Hand. Mary war noch skeptisch und schaute sie nur wortlos an. Jessica schob verlegen ihre Brille nach oben und richtete sich wieder auf.

“Tja, also, wollen wir dann kochen?” Tony versuchte so diesen peinlichen Moment zu durchbrechen. Und es gelang ihm: Mary quietschte fröhlich und rannte in die Küche, Tony folgte ihr. Vor der Küche blieb er stehen, deutete auf den Raum gegenüber und rief Jessica zu: “Setz du dich schon mal ins Wohnzimmer, fühl dich wie zu Hause. Wir werden nicht so lange brauchen.” Mit diesen Worten verschwand er in der Küche.

Jessica folgte seinen Anweisungen. Vor der Tür zum Wohnzimmer blieb sie stehen und schaute den Flur hinunter. Da kam ein violettes Licht aus dem Zimmer, in dem sie ihn vorhin durch ihr Fernglas gesehen hatte. Neugierig und vorsichtig ging sie den Flur weiter entlang bis zu der Tür, hinter der sich die Lichtquelle zu befinden schien.

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Ein Blick in Tony’s Growroom

Oben auf dem Türrahmen lag ein Schlüssel, so nah auf der Kante, dass er fast herunterfiel. Jessica nahm den Schlüssel und schaute sich noch einmal um. Nachdem sie sich versichert hatte, dass weder Tony noch Mary auf dem Flur standen, drehte sie den Schlüssel im Schloss herum. Dann drückte sie langsam den Türgriff nach unten und betrat das Zimmer.

Ein süßlich penetranter Duft strömte ihr entgegen und das grelle violette Licht strahlte ihr direkt ins Gesicht. Es dauerte einen Moment, bis sie sich umschauen konnte. Im ganzen Zimmer roch es nach Gras, auf einem Schreibtisch lagen Rauchutensilien und das helle Licht krönte einen dichten Urwald aus Cannabispflanzen, der sich aus einem Schrank herauspresste. Jessicas Augen weiteten sich und sofort schoss ihr wieder der Gedanke durch den Kopf “Ich hatte doch recht. Das Kind lebt hier gefährlich!”

Hals über Kopf stürzte sie aus dem Zimmer und eilte zur Küche. Sie wirbelte um den Türrahmen herum und wollte gerade zu einer eingehenden Standpauke ansetzen. Doch als sie sah, wie viel Spaß die beiden zusammen beim Kochen hatten, konnte sie es nicht übers Herz bringen. Mary wusch das Gemüse, Tony schnitt es und beide sagen zu einem Song mit, der gerade im Radio lief.

Als Tony Jessica bemerkte und ihr aufgebrachtes Gesicht sah, ging er einige Schritte auf sie zu. “Ist was?” fragte er. Jessica knirschte mit den Zähnen. “Du hast dir sicher schon denken können, warum ich hier bin.” Tony rollte mit den Augen. “Lass mich raten, die gute Frau Mühlberg hat dir eingeredet, ich wäre ein schlechter Vater, weil ich Cannabis konsumiere, richtig? Das ist nicht das erste Mal, dass ich mich gegen diese Vorurteile behaupten muss.”

Jessica schaute ihn fassungslos und vorwurfsvoll an. “Tony! In dem Zimmer da hinten liegen Feuerzeuge und Kiffersachen auf dem Schreibtisch und riesige Pflanzen platzen da förmlich aus deinem merkwürdigen Schrank!” Sie funkelte ihn an.

Tony blieb ganz ruhig, denn es war tatsächlich nicht das erste Mal, dass er die Leute vom Gegenteil überzeugen musste. “Die Pflanzen sind weder giftig, noch machen sie dich in diesem Zustand high oder irgendwas. Und kann es sein, dass das Zimmer vielleicht vorher zugeschlossen war, damit ein Kind nicht einfach die Tür öffnen kann?” Tony sah sie mit einem siegessicheren Grinsen an.

Jessica lief wieder knallrot an. Tatsächlich, sie hatte sich einfach den Schlüssel genommen und war theoretisch in sein Zimmer eingebrochen. Im Nachhinein war ihr das so unangenehm, dass sie sich nicht traute, die Diskussion noch weiterzuführen.

Tony nickte nur verständnisvoll und sagte: “Alles gut. Setzt dich diesmal bitte wirklich ins Wohnzimmer, das Essen ist gleich fertig.” Dann drehte er sich wieder um und wandte sich wieder seinen Töpfen und Pfannen zu. Geschlagen ging Jessica in den Raum gegenüber und setzte sich an den Tisch.

Wenige Minuten später kamen auch Mary und Tony aus der Küche. Das Essen roch herrlich, nach Krossgebratenem, herzhaften Kräuter und geschmortem Gemüse. “Das Menü des heutigen Abends: vegetarische Bauernpfanne mit Hanfnudeln. Und nun, Bon Appétit.”

Skeptisch stocherte Jessica in den grasgrünen Nudeln herum, doch als sie sah, wie Mary eine Nudel nach der anderen verschlang, überwand sie sich und probierte das Gericht. Die Verwunderung war ihr anzusehen, es schien besser zu schmecken, als sie es zugeben wollte. “Davon werde ich jetzt aber nicht … na ja, du weißt schon.” Tony lachte. “Nein, nein keine Sorge, das ist nur Hanf, da ist nicht psychoaktives dran. Aber keine Sorge, du bist nicht die Einzige, die da etwas durcheinander bringt.”

Nach wenigen Minuten hatten sie alle aufgegessen. Nachdem sie abgeräumt hatten, halfen alle gemeinsam das Geschirr zu spülen. Jessica spülte, Mary trocknete ab und Tony verstaute die Sachen an ihren Plätzen.

“Jessica, bist du eigentlich zu Fuß hier oder mit dem Auto?” Jessica blickte zu Boden. “Also, um ehrlich zu sein, ich wohne dort drüber. Sonst hätte ich mich gar nicht auf diese klapprige Feuerleiter getraut.” Sie lachte verlegen und rieb sich am Hinterkopf. “Ich wollte es dir nicht sagen, weil nicht jeder gerne direkt neben der Geschäftsleitung wohnt.”

Tony staunte nicht schlecht, damit hatte er tatsächlich nicht gerechnet. Dann schmunzelte er verschmitzt. “Na, wenn das so ist, dann hast du ja keinen weiten Weg. Darf ich dich dann vielleicht auf einen Joint einladen?”

Jessica hatte nicht mit einer solchen Frage gerechnet. Auf der einen Seite war sie nicht gerade angetan von dem typischen Kiffer, den sie vor Augen hatte. Doch Tony war irgendwie anders. Jetzt, wo sie gesehen hatte, was für ein liebevoller Vater er war und auch wie souverän er sich mittlerweile in der Arbeit gab, wusste sie nicht mehr, ob dieses klischeehafte Bild der Wahrheit entsprechen konnte.

Sie hatte noch nie Cannabis konsumiert, auch wenn ihre Familie aus den Niederlanden stammte. Es hatte nie wirklich einen Reiz auf sie gehabt: Sie kannte den Geruch nur aus düsteren, verrauchten Coffeeshops oder dunklen Gassen. Doch hier bei Tony war es anders.

Sie zögerte zwar noch einen Moment, doch schließlich willigte sie ein. “Aber ich habe so was noch nie gemacht.” Tony winkte ab. “Du brauchst nicht oft daran ziehen, aber glaub mir, es wird dir gefallen.”

Tony führte Jessica auf den Balkon hinaus, setzte Mary wieder vor den Fernseher und schaltete einen Kinderfilm ein. Dann verschwand er in seinem Arbeitszimmer und kam weniger Minuten später mit einem Joint wieder heraus.

Er setzte sich neben Jessica auf die Bank. Sie war etwas nervös und friemelte an ihren Klamotten herum. “Und das ist wirklich ungefährlich?” fragte sie skeptisch. Tony schüttelte den Kopf. “Es ist ungefährlich. Oder meinst du ich würde meine Chefin vergiften wollen?” Er lachte, doch Jessica konnte seine Heiterkeit nicht wirklich teilen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, dieser Aktion zuzustimmen.

Mit einem knisternden Geräusch entzündete Tony den Joint mit einem Feuerzeug und nahm einen tiefen Zug. Dann hielt er Jessica den Joint auffordernd und mit einem sanften Lächeln entgegen. Jessica nahm ihn in die Hand und beäugte ihn skeptisch. Schließlich überwand sie ihre Zweifel und zog zweimal daran. Hustend reichte sie den Joint wieder zurück. Tony lachte. “Versuch es zu unterdrücken und ruhig durch die Nase zu atmen.” Tatsächlich konnte sie sich mit dieser Methode wieder schnell fangen.

“Und jetzt?” Jessica sah Tony fragend an. “Gib dem ganzen einen Moment Zeit und schau dir mal den schönen Sternenhimmel an.” Jessica schüttelte etwas verwirrt den Kopf, doch als sie in den schwarzblauen Nachthimmel schaute, verschlug es ihr die Sprache: Noch nie hatten die Sterne so grell gefunkelt und noch nie hatte sie den Mond so detailliert in seiner ganzen Pracht betrachtet. Violette und tiefgrün-schimmernde Ströme zogen sich durch das Onyx-farbige Firmament und verliehen ihm eine mystische Aura des Unbekannten.

“Ist das immer so?” flüsterte sie leise und blickte Tony erstaunt an. Er nickte schmunzelnd mit dem Kopf. “In den meisten Fällen. Wir haben den Blick für die schönen Dinge des Lebens und der Natur verloren. Doch mit diesem Kraut kann man den Blick dafür wiedererlangen.” sagte Tony, der kurz darauf wieder in einer weißen Rauchwolke verschwand.

Jessica ließ sich langsam nach hinten sinken und schaute wieder hinaus in die sternenerfüllte Nacht. Ihr Kopf war leer, der Stress, den sie immer verspürte war verfolgen und sie fühlte sich einfach wohl im Hier und Jetzt. Langsam spürte sie, wie ihre Augen immer schwerer wurden und ihr Sichtfeld immer kleiner. Sie konnte sich nicht dagegen wehren und schließlich fielen ihr die Augen zu.

Als sie wieder erwachte wurde es bereits hell. Panisch suchte sie nach ihrer Brille, die sich nicht auf ihrer Nase befand. Sie fand sie auf einem kleinen Tisch vor ihr. Rasch setzte sie die Brille auf und sah sich um. Sie lag auf Tonys Sofa, über ihr eine Decke und die Uhr an der Wand zeigte 7:15 Uhr an. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Notizzettel.

“Ich wollte dich nicht wecken, also habe ich dich aufs Sofa gelegt. Keine Sorge, ich werde den Kollegen nichts erzählen.” Hinter dem letzten Satz war ein zwinkernder Smiley. Die Schamröte stieg ihr ins Gesicht.

Sie stand auf, zog ihre Kleidung zurück und lief auf Zehenspitzen durch den Flur. Die Tür von Marys Schlafzimmer stand offen und ein lautes Schnarchen war zu hören. Neugierig warf sie einen Blick hinein und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: Tony hatte sich mit dem Rücken gegen die Wand auf das kleine Kinderbett gesetzt, die Augen geschlossen, den Mund weit offen. In seinen Händen hielt er ein aufgeschlagenes Kinderbuch. Eng an seine Seite gekuschelt lag Mary und schlief ebenfalls tief und fest.

Jessica zog vorsichtig die Tür ein wenig zu und schlich dann weiter durch den Flur in Richtung Haustür. Sie zog ihre Schuhe an, verließ die Wohnung und begab sich hinaus auf die Straße.

Die ersten Sonnenstrahlen schienen ihr wärmend ins Gesicht. Die Luft war angenehm und kühl. Jedes Mal, wenn sie ausatmete, bildete sich eine kleine blasse Dampfwolke, die sie an ihr gestriges Erlebnis erinnerte. Sie fühlte sich gut, unbeschwert und der Tag hatte gerade erst begonnen.

Der Beitrag „Tony’s Weed – Teil 3 der Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze“ ist am 10. Februar 2022 veröffentlicht worden.

Tony’s Weed – eine Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze – Teil 1
Tony’s Weed – eine Kurzgeschichte von Mr. Haze Amaze – Teil 2

Bilder: Tampe-Media, Pixabay, Mr. Haze Amaze