THC-Grenzwerte im Straßenverkehr

THC-Grenzwerte im Straßenverkehr

THC-Grenzwerte im internationalen Vergleich

Während sich die Cannabis-Gesetzgebung auf der ganzen Welt liberalisiert, gibt es in vielen Ländern keinen wissenschaftlich nachvollziehbaren THC-Grenzwert für Verkehrsteilnehmer. Dafür gibt es zahlreiche nationale Bestimmungen, die eine Teilnahme am Straßenverkehr mit THC oder dessen Abbauprodukten im Blut sanktionieren.

Wie hoch der THC-Grenzwert im Blut sein muss, um als berauscht zu gelten, wird allerdings sehr unterschiedlich ausgelegt. In den USA haben viele Bundesstaaten, die Cannabis als Medizin oder zum Freizeitkonsum legalisiert haben, einen THC-Grenzwert von fünf Nanogramm aktivem THC im Blut festgelegt. Lediglich Kanada hat bereits einen für ihre BürgerInnen verbindlichen THC-Grenzwert festgelegt, der sich an der Realität statt an frommen Abstinenz-Wünschen orientiert.

In Europa hingegen ist die Gesetzgebung sehr uneinheitlich und repressiv. Während in den meisten Staaten Europas nur aktives THC gemessen wird, spielt in Deutschland auch das nicht psychoaktive Abbauprodukt (Metabolit) THC-COOH eine Rolle, wenn es um die Feststellung der Fahrtauglichkeit geht. Auch der Speichel- oder Urintest vor der Blutkontrolle ist In manchen Ländern obligatorisch, anderswo hingegen freiwillig.

Als dritte Variante verzichten eine Menge Länder ganz auf den Vortest und verlassen sich bei der Anordnung einer Blutprobe auf das geschulte Auge der Polizisten und somit auch deren stereotype Vorurteile gegen Cannabis-Konsumenten.

Gerichtlich verwertbar sind allerdings in allen Ländern lediglich die Blutwerte. Die Strafen reichen von Geldstrafen über Fahrverbote, die nicht selten viele Jahre oder gar lebenslang verhängt werden.

THC-Grenzwert

Deutschland hat den strengsten THC-Grenzwert

In Deutschland stieg die Zahl der Cannabiskonsumenten, bei denen eine Fahreignungsüberprüfung angeordnet wird, seit Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich an. Wer bei einer Verkehrsteilnahme mehr als 1 Nanogramm (ng) des Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) im Blutserum hat, erhält einen Bescheid über ein dreimonatiges Fahrverbot von der Fahrerlaubnisbehörde.

Der deutsche THC-Grenzwert im Straßenverkehr ist im Vergleich mit anderen Ländern, die einen Fix- oder per se Wert und somit eine feste THC-Grenze definiert haben, weltweit der strengste. Auch andere Länder wie Luxemburg oder Belgien haben den selben THC-Grenzwert definiert, aber: In diesen Ländern werden Messergebnisse über das Gesamtblut bestimmt.

In der Bundesrepublik hingegen wird der THC-Anteil im Blutserum gemessen. Das führt, verglichen mit der Messung im Gesamtblut, am Ende zu einem mehr als doppelt so hohen Wert.

Deshalb bezweifelt eine deutsche Fahrerlaubnisbehörde selbst dann die Fahreignung, wenn der ohnehin niedrige THC-Grenzwert bei der Blutprobe nach international gültigen Standards unterschritten und die/der Betroffene hinter dem Steuer nüchtern war.

Die Strafen für eine Fahrt unter Cannabis- oder Alkoholeinfluss sind mit 800 Euro und einem Monat Fahrverbot bei Ersttätern zwar gleich, doch bei nachgewiesenem Cannabiskonsum folgt Monate nach der Strafe meist noch ein Brief, der im Rahmen einer verwaltungsrechtlichen Maßnahme zur Abgabe der Fahrerlaubnis auffordert.

Das gilt dann bis man bewiesen hat, nicht Cannabis abhängig zu sein. Ein Widerspruch ist zwecklos und überhaupt erst nach Abgabe des wertvollen Dokuments möglich.

Auch die Schweiz hat Rauschfahrten genau definiert und ähnlich streng sanktioniert wie Deutschland, verfügt aber mit 3ng im Gesamtblut über einen viel höheren THC-Grenzwert. Der Schweizer THC-Grenzwert, der mit der 0,0-Promille-Grenze für Taxifahrer vergleichbar ist, liegt bei 1,5 ng/ml THC im Gesamtblut.

THC-Grenzwert
THC-Grenzwert: Rote Augen bei der Kontrolle sollten vermieden werden..

Auf den ersten Blick scheint der in Deutschland geltende THC-Grenzwert von 1 ng/ml kaum tiefer zu sein. Berücksichtigt man nun allerdings den Umstand, dass der Schweizer Grenzwert im Gesamtblut und nicht im Serum bestimmt wird, ergibt sich rechnerisch ein Grenzwert von 3 ng/ml Serum. So liegt der THC-Grenzwert für das Fahrpersonal in der Schweiz nach deutscher Lesart bei 3 ng/ml Serum.

Ebenso umstritten ist auch die Bestimmung des THC-COOH-Wertes, mit der sich angeblich Konsumintensität und somit die Konsumfrequenz ermitteln lässt. „Bisher galt es als gesichert, dass zumindest der Nachweis spezifischer Abbauprodukte des Cannabis-Hauptwirkstoffs THC im Haar einen Konsum zweifelsfrei beweise. Forscher am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg um den Toxikologen Prof. Dr. Volker Auwärter haben durch experimentelle Arbeiten festgestellt, dass dieser Schluss so nicht zulässig ist“ schreibt das Fachmagazin „Scientific Reports“ bereits im Oktober 2015. lediglich der aktive THC Wert sei relevant bei der Frage, ob eine Rauschfahrt vorliegt oder nicht.

Nicht selten existenzbedrohend

Um die Situation zumindest in Deutschland langfristig zu ändern, hatte der Deutsche Hanfverband (DHV) 2017 die Kampagne „Klarer Kopf. Klare Regeln“ gestartet. Der oft langfristige Verlust des Führerscheins aufgrund von Cannabiskonsum zerstört in Deutschland Existenzen. Die Ungleichbehandlung von Cannabis- und Alkoholkonsum führt zu schwerwiegenden Folgen für den Konsumenten und die Gesellschaft.

Steuerzahler werden, ohne den Verkehr zu gefährden oder gar einen Unfall zu verursachen, zu Empfängern staatlicher Leistungen gemacht, weil sie ohne Führerschein den Job oder gar die eigene Firma verlieren. Dadurch wird nicht die Gefährdung der Verkehrssicherheit bestraft, sondern der Cannabiskonsum an sich.

Experten sprechen von einem Ersatzstrafrecht, weil die überzogenen Maßnahmen fast gleichzeitig mit der Entkriminalisierung des Besitzes kleiner Mengen zum Eigenbedarf Mitte der 1990er Jahre angefangen hatten.

Prof. Volker Auwärter ist Toxikologe aus Freiburg und berät Bundesregierung als Mitglied des Sachverständigenausschusses für für Betäubungsmittel auch bei verkehrsrechtlichen Fragen. Auwärter hat die fehlende, wissenschaftliche Grundlage der aktuellen Gesetzeslage wiederholt thematisiert.

Bei Mengen, die praktisch ohne Wirkung seien, drohe der Entzug der Fahrerlaubnis. Das Unfallrisiko bei legalen 0,5 Promille Alkohol sei doppelt so hoch wie mit 0,0 Promille. Beim geltenden THC-Grenzwert von 1 ng THC/ml Blutserum sei die berauschende Wirkung hingegen längst verflogen.

Außerdem verursachen Verkehrsteilnehmende unter Cannabis-Einfluss seltener Unfälle als alkoholisierte. Weil Cannabis, anders als Alkohol, nicht enthemme, sei das Trennungsvermögen besser ausgeprägt. Wer zu viel gekifft habe, fahre deshalb meist gar nicht mehr.

THC-Grenzwert

Und wenn doch gefahren wird, fahre ein unter Cannabis stehender Autofahrer sehr viel defensiver als ein alkoholisierter Mensch, sagte Auwärter 2014 auf der Fachtagung der Stadt Frankfurt zum Thema Cannabis-Modellprojekte.

Auwärter hält den derzeit geltenden THC-Grenzwert für zu niedrig und sprach sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ für eine Anpassung auf „2-5“ ng aus. Doch der Freiburger Experte findet im Bundesverkehrsministerium bislang kein Gehör.

THC-Grenzwerte im Vergleich

  • Belgien: 1 ng
  • Dänemark: 1ng
  • Deutschland: 1ng im Blutserum, äquivalent zu 0,5ng im Gesamtblut. Zusätzliche THC-COOH-Wert Messung.
  • Großbritannien: 2ng
  • Irland: 1ng
  • Luxemburg: 1ng
  • Niederlande: 3ng, bei Mischkonsum mit anderen Drogen oder Alkohol 1ng. Seit 2017 gibt es im Rahmen einer 0-Tlerance Politik für Drogen und Alkohol im Straßenverkehr Routinekontrollen. Vorher wurde nur bei konkretem Verdacht auf illegale Substanzen getestet.
  • Norwegen: In Sachen Entkriminalisierung ganz weit hinten, zeigt Norwegen einen überraschend wissenschaftlichen Ansatz. Hier gibt es jetzt schon, ähnlich wie in Kanada geplant, ein Drei-Stufen System. Mehr 1,3 ng werden wie 0,2 Promille Blutalkoholgehalt geahndet. Über 3ng wie 0,5 Promille und für mehr über 9ng gibt es die gleichen, drastischen Strafen wie für Rauschfahrten mit mehr als 1,2 Promille.
  • Schweiz: 1ng
  • Tschechische Republik: 2ng

In Estland, Finnland, Frankreich, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowenien, Slowakei, Ungarn, Zypern gibt es keinen spezifischen THC-Grenzwert.
Jedwede „Beeinträchtigung“ ist strafbar, Blutuntersuchung bei positivem Vortest oder auch nur bei Verdacht.

Nüchtern in Kanada

Kanada hat mit der Regulierung von Cannabis ein drei-Stufen System für THC-Grenzwerte eingeführt:

  • Weniger 2 ng THC pro ml Blut werden nicht geahndet.
  • Zwei bis fünf ng THC pro ml Blut gelten als Ordnungswidrigkeit und werden mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Kanadischen Dollar geahndet.
  • 5 ng oder mehr THC pro ml Blut gelten als Straftat. Hier wird im Einzelfall entschieden, ob es zur Strafverfolgung kommt oder eine Geldstrafe verhängt wird.
  • Der Mischkonsum von THC und Alkohol: Mehr als 0,5 Promille Blutalkohol und über 2.5 ng per gelten als Straftat und werden wie eine Fahrt mit über 5ng geahndet.

Alle Messungen müssen innerhalb von zwei Stunden nach Fahrtende durchgeführt werden.

THC-Grenzwert

Die THC-Grenzwerte in den USA

  • Montana 5 ng
  • Ohio 2 ng
  • Pennsylvania 1 ng
  • Washington State: 5ng. Autofahrer mit weniger als 5 ng können immer wegen „unter dem Einfluss von Cannabis“ verurteilt werden, wenn die Polizei so genannte Ausfallerscheinungen nachweisen kann.
  • Colorado 5g
  • Nevada: 2 ng
  • Alaska: Kein spezifischer Grenzwert, jedwede „Beeinträchtigung“, Blutuntersuchung bei Verdacht
  • Kalifornien: In Kalifornien gilt man als berauscht, wenn die Polizei anhand von Tests beweisen kann, dass:

– die Person aufgrund von Cannabis berauscht wirkt

– aufgrund des Konsums eine offensichtliche Beeinträchtigung körperlicher und geistiger Fähigkeiten besteht

– man unter den gegebenen Umständen nicht mehr so umsichtig wie eine nüchterne Person fahren kann.

  • Oregon: Hier muss vom Staatsanwalt nachgewiesen werden, dass der Fahrer durch auffällig ist oder spürbar beeinträchtigt wird
  • Massachusetts: Kein spezifischer Grenzwert, jedwede „Beeinträchtigung“, Blutuntersuchung bei Verdacht. Als berauscht gilt, wenn Cannabis die Fähigkeit beeinträchtigt, ein Kfz sicher zu steuern.
  • Maine: 5.0 ng
  • Washington/ District of Columbia: Hier muss vom Staatsanwalt nachgewiesen werden, dass der Fahrer durch auffällig ist oder spürbar beeinträchtigt wird .

In den folgenden Staaten reichen bereits geringste THC-Spuren im Blut aus, um eine Straftat zu begehen:

  • Arizona
  • Delaware
  • Georgia
  • Illinois
  • Indiana
  • Iowa
  • Michigan
  • Oklahoma
  • Rhode Island
  • South Dakota
  • Utah
  • Wisconsin

Anders als bei uns gelten DUI-Vergehen* grundsätzlich als Straftat. Beim Verdacht auf ein DUI-Vergehen sind ein paar Stunden in der Zelle dort durchaus normal. Ein Richter entscheidet schlussendlich, ob es zur Strafverfolgung kommt oder lediglich eine Geldstrafe verhängt wird.

* DUI-Driving Under Influence – berauschte Verkehrsteilnahme/ Rauschfahrt

Der Artikel „THC-Grenzwerte im Straßenverkehr“ von Michael Knodt ist am 28.August 2020 erschienen.

Weitere Artikel von Michael Knodt:
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THC-Grenzwerte im Strassenverkehr
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2 Gedanken zu “THC-Grenzwerte im Straßenverkehr

  1. Schöner Artikel, vielen Dank dafür.

    Es wäre toll gewesen, wenn ihr bei dem Thema an Patienten gedacht hättet. Ein kleiner „Kasten“ mit Stichworten zur Lage im medizinischen Kontext wäre bestimmt auch für Nicht-Patienten interessant gewesen. Generell wäre es fein, wenn ihr die Patientenperspektive mehr berücksichtigen könntet. Das erweitert die Zielgruppe und erhöht den Wissenstand der Leserschaft. 😉

    Danke für dieses tolle Medium

    Michelle

    1. Hallo Michelle,

      vielen Dank für Deine Meinung, ich finde Du hast Recht,
      das haben wir wirklich übersehen, obwohl sowohl der Micha als
      Autor, wie auch ich als Herausgeber Patienten sind!!
      Ein guter Hinweiß von Dir, ich schaue Mal, das wir das noch
      in den nächsten Tagen ausbessern!!
      Vielen Dank auch für Dein Lob, das ist Futter für die Seele,
      lg, Amir

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